Design Dreamers

Nichts ist unmöglich ... lautet das Mantra für die magischen und fantasievollen Set-Designs von Kinmonth-Monfreda

Wenn Mailand nicht zum Berg kommen kann, dann muss der Berg nach Mailand kommen. Das Ergebnis dieses kreativen und inspirierten Gedankengangs war die von Patrick Kinmonth und Antonio Monfreda organisierte Zugfahrt von Mailand nach Zermatt mitten durch die Schweizer Berge. Das Designer-Duo schuf eine monumentale Installation, die während der Mailänder Fashion Week Ballys Herbst-/Winterkollektion 2019 in Szene setzte.

Die kreativen Genies haben Zuggleise nebst sechs gemütlichen Bahnwagen in Ballys Porta Venezia Showroom nachgebaut. So entstand die perfekte Szenerie, um den Besuchern eine Kollektion mit alpinen Wurzeln zu präsentieren. Es gelang dem Duo, dessen kreatives Spektrum von Zeitschriften bis hin zu Store-Konzepten und Opern- oder Ballettbühnenbildern reicht, das Reisegefühl mit allen Sinnen erlebbar zu machen, ohne sich tatsächlich von der Stelle zu bewegen. Monfreda verrät, dass am Anfang ihrer Arbeit ein organischer Prozess steht, bei dem sie sich von ihren Instinkten in Verbindung mit den Produkten leiten lassen – in diesem Fall begann alles mit einem entspannten Wochenende in den Schweizer Bergen. „Der Prozess ist eine künstlerische Reise“, fügt Kinmonth hinzu und beschreibt sie mit folgenden Worten: „Wir setzen eine imaginäre Welt in die Realität um und machen sie so erlebbar. Dabei entsteht nicht nur ein Bild, sondern ein Erlebnis in 3D, 4D oder sogar 5D (in diesem Fall kommt der Sound hinzu), um Illusionen unfassbar real zu machen. Das ist völlige Immersion.“ Bei dem Bally Projekt sieht das so aus: Ein Film in Endlosschleife zeigt einen Zug, der sich durch einen Schneesturm in den Bergen kämpft. Als Bildschirm dient ein Zugfenster, wobei versteckte Lautsprecher die Geräusche und Bewegungen eines fahrenden Zuges liefern und Nebelmaschinen am Eingang zur Installation das Gefühl umherwirbelnder Schneeflocken vermitteln.

„Wir können bis zu ein Jahr an einem Set arbeiten, das vielleicht nur 20 Minuten oder zwei Stunden lang im Rampenlicht steht, und hoffen darauf, dass es (dem Betrachter) ein Leben lang in Erinnerung bleibt. Um das zu erreichen, muss man den gesamten Raum begreifen.“
Patrick Kinmonth

Die Umsetzung des Projekts dauerte sechs Wochen und der Bally Showroom wurde kurz vor der Show sechs Tage lang in eine Baustelle verwandelt. Der Aufbau von Zuggleisen und Granit aus den Schweizer Bergen war nicht einfach und erfordert eine kühne Handschrift bei der Umsetzung. „Es braucht zunächst das Einverständnis eines guten Produzenten und anschließend müssen Kompromisse gefunden werden. Patrick hat mir beigebracht, dass es in unserem Job darum geht, die Lösungen zu finden“, erläutert Monfreda. Doch laut Kinmonth rechtfertigt die Authentizität der Erlebnisse, die über virtuelle Erfahrungen hinausgeht, den enormen Aufwand. „Sie können Fotos dieser Installation machen und sie werden wie Filmaufnahmen aussehen, doch wir wollen eine physische Erfahrung schaffen, als befände man sich in einem geradezu pittoresken Zug auf der Reise nach Zermatt.“

Zwei Gipfel mit mehr als 2 Metern Durchmesser und 2,5 Metern Höhe begrüßten die Besucher zur Präsentation im Rahmen der Mailänder Fashion Week. Ein Gipfel ragte in die Höhe und stellte den Wanderstiefel der Saison zur Schau, wobei der zweite von der Decke hing und den Stiefel fast berührte. Dieses Bild könnte man als Umkehrbild unserer Vorstellung von der Schweiz und dem Lebensstil in den Bergen interpretieren, das die Kollektion durch den modernen Charakter alpiner Lifestyle-Klassiker ausdrückt.

Die Leidenschaft und Expertise in der Architektur sind wesentliche Erfolgsfaktoren des Duos, dessen Inspirationen von England im 17. Jahrhundert bis hin zur heutigen kreativen Kulturlandschaft reichen. „Antonio und ich lieben Architektur und haben sowohl temporäre als auch permanente Bauten geschaffen, die hoffentlich beim Betrachter unvergessen bleiben“, erläutert Kinmonth. „Wir können bis zu ein Jahr an einem Set arbeiten, das vielleicht nur 20 Minuten oder zwei Stunden lang betrachtet wird, und hoffen darauf, dass es ein Leben lang in Erinnerung bleibt. Um das zu erreichen, muss man den gesamten Raum begreifen.“ Es gibt auch ein paar Tricks, die helfen können. „Wir arbeiten oft mit Spiegeln, die ein weiteres Element der Faszination einbauen. Der Raum wird optisch verdoppelt und in diesem Fall entsteht zusätzlich der Eindruck, dass der Zug durch einen Bergtunnel fährt“, bemerkt Monfreda. Die Arbeit mit den Gegebenheiten in dem zur Verfügung stehenden Raum liefert weitere Inspiration. „Die von Dan Flavin inspirierte Lichtskulptur war Teil der vorhandenen Architektur – sie befand sich im Studio. Wir haben sie nur abgesenkt, hinter der Bergkette platziert und Röhren in den Farben der Kollektion hinzugefügt.” Sie hat gleichzeitig bei der schwierigen Beleuchtung der Installation geholfen. „Wir haben eine Schwachstelle in einen Pluspunkt verwandelt”, sagt Monfreda.

„Der Instinkt bleibt unverändert. Ich nutze ihn, wann immer es nötig ist.“
Antonio Monfreda

Die beiden Künstler arbeiten seit zehn Jahren zusammen und wenn man den endlosen Ideenfluss betrachtet, werden daraus leicht noch zehn weitere Jahre. Ganz gleich, um was für ein Projekt es sich handelt, der kreative Prozess wird laut Kinmonth aus den langen Diskussionen geboren, die er und Monfreda per Telefon zwischen Rom und London führen. „Die Ideen aus diesen Gesprächen, die hängenbleiben, sind am Ende unsere Inspirationen.“ Monfreda fügt hinzu, dass ein Element stets konstant bleibt: „Der Instinkt bleibt unverändert. Ich nutze ihn, wann immer es nötig ist.“ Für seine Arbeit benötigt Monfreda unbedingt sein Handy: „Es hilft mir zu beurteilen, wie ein Raum auf Fotos und in den sozialen Medien wirken wird.“ Kinmonth arbeitet an diversen Projekten gleichzeitig und verrät uns folgenden Wunsch: „Idealerweise wäre Antonio bei jedem Job dabei. Er hat das Projekt genau im Auge.“